Wie Giacomettis Skulpturen dem Betrachter im erstem Moment als klare Schnitte im dreidimensionalen Raum erscheinen, so durchschneiden die Akkordblöcke in meiner Komposition die Realität des akustischen Raumes. Dahinter eröffnet sich ein Feld neuer Erfahrungen, die aus der Wahrnehmung des Details, seiner Aura, seiner Überlappung und Überblendung mit anderen Details resultieren. Immer wiederkehrende Elemente wie die Akkordschnitte, arabeskenartige Figuren und Geräuschklänge erscheinen in anderem Kontext als neue und stellen die Beständigkeit der Dinge in Frage.
Angeregt wurde mein Stück durch die Gruppe der vier in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel ausgestellten Skulpturen von Alberto Giacometti: Großer Kopf - Schreitender Mann II - Große Frau III - Große Frau IV. Jede von ihnen stellt für sich ein geistiges Kraftzentrum dar, und als Ensemble bilden sie im Raum ein Spannungsfeld von unerhörter Dichte. Mit den Klängen eines in drei Gruppen aufgeteilten Ensembles versuchte ich etwas von dieser starken geistigen Präsenz einzufangen. Der vierte Pol im musikalisch-räumlichen Spannungsfeld ist der Hörer, der damit Teil des Spiels wird. - Die Komposition ist Ernst Beyeler zum 80. Geburtstag gewidmet.
Bettina Skrzypczak (2001)
Nach einem kantig-trockenen Anfang wechseln sich um Vorrang ringende Streicherstimmen, tragende Beckenklänge, sich absetzende virtuose Soloinstrumente, die bald vom Ensemble wieder eingeholt werden, mit diesen Knalleffekten immer wieder ab. Das setzt hieb- und stichfeste Instrumentalisten ebenso voraus wie eingestimmte Zuhörer. Beides schien in der Fondation gegeben, und man wünscht sich, das in seiner unerbittlichen rhythmischen Präzision und wuchtigen Präsenz sehr schöne Stück bald in öffentlicherem Rahmen nochmals zu hören.
Kritik zur Uraufführung am 19.11.2001 in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel
Bettina Skrzypczaks Komposition „Vier Figuren“ ist inspiriert durch eine vierteilige Figurengruppe Alberto Giacomettis (…) Wer ein Pendant zu Giacomettis Skulpturen erwartete, wurde enttäuscht. Bei Skrzypczak entsteht Intensität nicht in asketischer Vereinzelung musikalischer Figuren, sondern in saftiger Interferenz dreier auf dem Podium des kleinen Tonhalle-Saals nah beieinander postierter Instrumentalgruppen. Die Texturen, die auf durchaus konzertante Weise in- und auseinander gehen, beruhen nicht auf Nachbildung, sondern auf kraftvoller Transformation des bildnerischen Vorwurfs, emphatisch realisiert durch das Collegium Novum unter Peter Hirschs Leitung.
Michael Kunkel, Tages-Anzeiger, 26.9.2005