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Werkkommentar



Streichquartett Nr. 4Zwischen meinem dritten und vierten Streichquartett liegt ein ganzes Jahrzehnt. In beiden geht es u.a. um das grundlegende Problem der Gestaltung von musikalischer Zeit – auch musikalischem Raum –, und beide finden zu ganz unterschiedlichen Lösungen, was die Relation zwischen dem musikalischen Ereignis und seinem Erscheinen in der Zeit betrifft.

Im dritten Quartett interessierte mich vor allem die Frage, wie ein Ereignisraum gestaltet werden kann, der den linearen Verlauf der physikalischen Zeit in Frage stellt. Durch die Konzentration auf den musikalischen Augenblick wurde hier der Raum in eine Reihe von scheinbar isolierten Ereignissen zerschnitten.

Im vierten Quartett wird der musikalische Raum eher expansiv ausgemessen, indem die musikalischen Ereignisse einer kontinuierlichen Wandlung unterworfen werden. Es entsteht ein Klangprozess mit dramatischem Charakter, der aber mit seinen wechselnden Strömungsrichtungen und -geschwindigkeiten, seinen Brüchen und Sogwirkungen keineswegs linear verläuft. Der Anfang ist sozusagen exterritorial. Aus dem vielschichtigen Geräuschfeld des Beginns findet der Klang erst nach und nach zu sich, und auf ähnliche Weise sucht er in der Viertelton-Verdichtung der Schlusspartie wieder den Weg nach draußen.

Bettina Skrzypczak


Presse


Von Linearität und Strömungsrichtungen, von Zeit und Raum schreibt die polnisch-schweizerische Komponistin Bettina Skrzypczak in ihrer Einleitung. Vielleicht stellt sie solche Überlegungen an, wenn sie arbeitet. Das Ergebnis aber klingt nicht abstrakt, sondern sehr konkret aus dem Ton, aus der Geste heraus getrieben, expressiv in der Melodik, fasslich selbst in der Komplexität, und damit springt die Musik einen unmittelbar an, zumal sie so folgerichtig von einem Punkt zu einem ganz anderen leitet. Das Amar-Quartett spielte das 4. Streichquartett (...) engagiert und energiegeladen.

Thomas Meyer zur UA am 9.5. (Tages-Anzeiger Zürich, 11.5.2004)


Bei der Uraufführung präsentierten die vier Musiker dem Publikum eine sehr organisch wirkende Komposition mit dramatischem Charakter. Zum Organischen zählen nicht nur der geräuschhafte Einschwingvorgang am Anfang und das Ausblenden mit kreisenden Vierteltönen am Schluss. Organisch wirkt auch die Art, wie die Komponistin das klangliche und motivische Material der einzelnen Grossabschnitte nach und nach verändert.

Thomas Schacher (Neue Zürcher Zeitung, 11.5.2004)