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Werkkommentar
Lettres Als Vorlage meiner Lettres wählte ich einige kurze Fragmente aus Le Livre du Voir-Dit (Das Buch der wahren Begebenheit) von Guillaume de Machaut, niedergeschrieben um 1363-65. Dieses Werk steht in der Tradition der höfisch-weltlichen, von religiös-mystischen Elementen durchsetzten Dichtung des Mittelalters. Inhaltlich kreist es um die Liebesbeziehung des damals über sechzig Jahre alten Poeten, Komponisten und Kanonikers Machaut zu der viel jüngeren Peronelle d'Armentières. Eingestreut in die umfangreiche Verserzählung sind Briefe zwischen den beiden Hauptfiguren und zahlreiche Kompositionen.
Ausgangspunkt meiner Auseinandersetzung mit dem poetischen Inhalt von Machauts Dichtung waren die Aussagen der Peronelle, die in der umfangreichen Vorlage relativ wenig Platz einnehmen. Der Bezug ist also primär ein literarisch-poetischer und nicht ein musikalischer. Die Besetzung umfasst Sopran, Klarinette und Violoncello. Zur Wahl der Sopranstimme wurde ich angeregt sowohl durch eine Bemerkung Machauts in einem seiner ersten Briefe an Peronelle (Ich sende Euch eine Ballade ..., ich bitte Euch, sie zu lernen), als auch durch das damals ausgeprägte Ideal einer hohen, beweglichen und stilisierten Stimmführung.
Die Instrumentalstimmen sind von der Aura des Textes affiziert und bilden eine Erweiterung des poetischen Raums. Aber auch der konkrete Duktus der Singstimme färbt auf sie ab; sie greifen bestimmte metrische Verhältnisse in der Gesangslinie auf, und in den Passagen ohne Gesang entwickeln sie die vokale Gestik mit rein instrumentalen Mitteln weiter.
Meine Komposition bildet eine Reflexion über die von Inhalt und Umfang her einzigartige Dichtung Machauts im "kleinen" Medium der Kammermusik.
Bettina Skrzypczak
Presse
Die Klarinette ist der Singstimme zugeordnet, während dem Cello kommentierende Zwischenspiele zufallen oder das Zeichnen der Grundstimmungen (...) Der Sopranistin Márta Kosztolányi gelang eine wunderbare Verbindung von mittelalterlichem Klang, wie ihn der sechseinhalb Jahrhunderte alte Text und das melismatische Kreisen um verschiedene Grundtöne vorgeben, mit dem modernen Gestus, den die Komposition in Form von schwankenden Energiezuständen aufwies. Sayaka Schmucks unglaublich weicher Klarinettenklang, der die Singstimme umschmeichelte, machte die Interpretation zu einem sinnlichen Genuss.
Sibylle Kayser in der Süddeutschen Zeitung vom 17.5.2004 zur Uraufführung von "Lettres" in München