aus Partitur 'Vier Figuren'

Oracula Sibyllina

für Mezzosopran und Kammerorchester

Wer sich einmal in die Lektüre der sibyllinischen Weissagungen vertieft hat, weiss, dass es nicht eine, sondern viele Sibyllen gab: Frauen, die im Besitz übersinnlicher Fähigkeiten waren und mit ihren Visionen die Zukunft voraussagten. Ihre Worte strahlten durch die Jahrhunderte  und verschmolzen zur Stimme der einen weissagenden Sibylle.
Das Thema fasziniert mich seit langem, weil sich in ihm eine Geschichte des menschlichen Schicksals spiegelt. Einmal als Geschichte der Menschheit im Allgemeinen, belastet von immer gleichen Fehlern. Dann als Geschichte einer grossen Einsamen – der Sibylle. Sie ist die Fühlende, die bereit ist, sich selbst aufzugeben, um die Anderen vor ihren Fehlern zu warnen, und sie zeigt uns das Gefährliche, das in uns schläft. Vielleicht sollten wir in unseren turbulenten und beunruhigenden Zeiten, in denen Geschichte einmal mehr wiederzukehren scheint, mehr auf ihr Wort hören?
In meiner Komposition vertone ich Fragmente von alten sibyllinischen Texten, die aus verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Quellen stammen. Die Singstimme soll den komplexen Charakter der Hauptfigur widerspiegeln, die Besetzung des Ensembles – meist solistisch behandelte Instrumente – die verschiedenen Schattierungen dieses Charakters verdeutlichen. So wird der Klang zum Resonanzraum der zwischen Euphorie und Verzweiflung schwankenden Empfindungen der Sibylle. Die Anordnung der Instrumente auf dem Podium trägt zu dieser Verräumlichung des inneren Geschehens bei.
Im Wesentlichen kann man meine Musik als Symbol der Suche nach dem schwer fassbaren Bild dieser geheimnisvollen Figur verstehen. Sie bleibt für uns unerreichbar, auch wenn sie deutlich zu uns spricht.

Wer bist du, Sibylle, du Heimatlose?
Ich will dir beistehen.
Auf deinem Weg der unendlichen Suche,
Bei deiner Flucht vor der Dunkelheit.

Bettina Skrzypczak

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